Martina Gedeck über ihren neuen Film „DIE WAND“

 

Wie sind Sie auf das Projekt gestossen?

Julian Pölsler hat mich bereits 2008 im Zusammenhang mit einem anderen Projekt auf DIE WAND angesprochen und gefragt, ob ich einen Zugang zu dieser Rolle hätte. Dann haben wir 2009 in größeren Abständen immer wieder über die Rolle gesprochen. Wir trafen uns im Winter auch vor Ort in einer kleinen Hütte für eine erste Probe und um zu sehen, wie wir miteinander arbeiten. Wir tasteten uns also langsam an das Projekt heran.

 

 

Wie hat Ihnen der Roman gefallen?

Ich habe das Buch schon als junge Frau gelesen und hatte sofort einen großen Zugang. Es geschieht ein einschneidendes, traumatisches Erlebnis und alle Vorstellungen darüber, was das Leben sein soll, sind radikal in Frage gestellt und müssen neu definiert werden. Die Frau akzeptiert die Situation relativ schnell und geht pragmatisch damit um. Es ist keine Hysterie erkennbar. Genau dieses Sachliche hat mir gefallen, dass es eher wie ein Bericht geschrieben ist. Weil sie es rückblickend erzählt, zu einem Zeitpunkt, an dem sie schon eingewachsen ist in sich und die Natur.

 

Was hat Sie an der Rolle besonders angesprochen?

Als Schauspielerin war es eine Chance für mich, Neuland zu betreten. Ich habe mich in den anderen Lebensraum dieser Figur hinein begeben. Es ging nicht darum, zu spielen. Sondern wichtig war, zu tun, zu durchleben und zu sein. Es war eine sehr körperliche Rolle auch mit harter Arbeit. Selbst im Nichtstun musste ich Gedanken durchleben. Immer hatte ich Gedanken zu denken. Ich habe das im Inneren gefühlt, was man im Buch liest. Besonders schön fand ich, diese Fülle des Lebens zu erfahren, wenn plötzlich der Wald, die Natur, der Stein auf dem ich sitze und der Hund zu meinen Partnern werden.

 

Wie würden Sie die Entwicklung beschreiben, die die Frau in »DIE WAND « durchmacht?

Als sie mit der Welt, die hinter der Wand liegt, nichts mehr zu tun hat, beschäftigt sie sich mit ihrer eigenen Lebendigkeit und dem Elementaren. Darauf konzentriert sie sich vorausschauend und das setzt einen Heilungsprozess in Gang. Sie arbeitet an ihrem Überleben, bis sie mehr und mehr in Kontakt tritt mit ihrer Umgebung und sich öffnet. Was früher wichtig war, von Gesichtspflege über Komfort bis hin zu Beziehungen, ist es nicht mehr. Sie verortet sich neu, indem sie einen neuen Platz im Leben findet. Sie erlebt auf neue Weise: Wo stehe ich zwischen Himmel und Erde, Geist und Fleisch, Geborgenheit und Fremdheit? Wo sie sich einmal zu Hause fühlte, da war sie eigentlich fremd. Aber die Fremde, die Natur, entpuppt sich als der Ort, an dem sie geborgen sein kann, wo ihr eigentliches Wesen zum Vorschein kommt. Am Ende ist sie eine »Jetzt-Zeit-Frau«, eine Kriegerin.

 

Wie haben sie sich auf eine Rolle vorbereitet, die sehr an die Wurzeln der menschlichen Existenz geht und zusätzlich vom Innenleben der Figur abhängt?

Statt einen Text zu lernen, habe ich mich in den Raum der Figur begeben. Ich habe den Text täglich gelesen und sehr zurückgezogen gelebt. Ich habe versucht, den Roman für mich zu strukturieren: Was tut sie wann? Wie ist ihr Tagesablauf? Diese zeitlichen Abläufe habe ich verinnerlicht. Mit dem Regisseur habe ich dann vor Ort noch vor den Dreharbeiten geprobt, wie man Heu erntet, die Sense einsetzt, mit dem Gewehr umgeht und mit den Tieren arbeitet. Während der Dreharbeiten habe ich auf einer kargen und abgelegenen Almhütte gewohnt. Ich habe versucht, in mir den Zustand zu empfinden, den die Frau im Roman innehat. Sie schwingt zwischen unbewusst und bewusst. Vielleicht könnte man sagen, dass sie sich in einem Raum zwischen Leben und Tod bewegt, in dem sie sich mit ihren Urkräften ‒ ihren Tieren ‒ verbindet. Diese Stimmung und die Gedanken der Frau kann man nicht spielen, man muss sie erleben.

 

Die Buchvorlage lässt viele Interpretationen zu, welche Bedeutung die Wand hat. War es für Sie wichtig, eine eigene Erklärung für die Wand zu finden?

Ich habe die Wand immer als Rettung gesehen. Die Wand ist kein schönes Ereignis, aber es hilft der Frau, zum Leben zurück zu kommen und das ist notwendig, weil sie vorher nicht glücklich war. Die Wand steht für mich für eine tiefe Krise, eine Depression, eine Krankheit oder ähnliches ‒ also auch für eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen, neue Prioritäten zu setzen und eine neue Lebendigkeit zu finden. Dann wird die eigentliche Berufung sichtbar, die man zuvor vielleicht nicht wahrgenommen hat.

 

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, mit dieser Wand zu spielen?

Natürlich haben der Regisseur und ich an der Glasscheibe lange geprobt. Jede Bewegung musste stimmen. Ich habe auch ein bisschen Pantomime gelernt, um mit der Wand auch dann spielen zu können, wenn die Glasscheibe, die die Wand darstellt, in einer Einstellung nicht da ist. Aber noch schwieriger war es für mich, gegen die Glasscheibe zu rennen. Ich musste es einfach immer wieder machen, bis es vertraut war, auch der Schmerz. Gut, dass ich es beim Dreh immer wieder proben konnte. Ich musste nichts erklären und es wurde nicht diskutiert. Ich konnte für mich herausfinden, was sich stimmig anfühlt. Die Choreografie war schon vorher da, aber die Authentizität entwickelt sich nur durch das Tun.

 

Wie hat Sie Regisseur Julian Roman Pölsler angeleitet?

Sehr oft kam von Julian Pölsler »wunderbar – machen wir es noch einmal«. Es ging darum, auszuprobieren. Wir empfinden ähnlich und das Innenleben der Figur ist uns ähnlich vertraut. Daher waren wir sofort beieinander. Wir wussten sehr klar, wo wir uns hinbewegen und was wir erwischen wollten. Manchmal hat er mich daran erinnert, in welchem Moment die Figur was gerade ist. Dann konnte ich diesen Gedanken mehr Raum in mir geben. Es hat mich beeindruckt, dass er immer wusste, was mit mir los war und was ich in einem bestimmten Moment brauchte. Ich fühlte mich beschützt und getragen und gleichzeitig völlig frei. Auf geistiger Ebene war es eine ganz starke gemeinsame Arbeit in gegenseitigem Respekt. Das ist so ziemlich das ultimativ Beste, was man sich an Zusammenarbeit vorstellen kann.

 

Der Film wurde in mehreren Etappen zu den verschiedenen Jahreszeiten gedreht. Sie mussten sich immer wieder neu auf den Film einstellen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das ist mir nicht schwer gefallen. Ich war ziemlich schnell wieder in der Atmosphäre und dem Lebensgefühl drin, auch da ich auf der Almhütte gewohnt habe. Mir ist dieser Zustand ja nicht fremd. Es gibt auch sonst Zeiten, in denen ich für mich bin. Es war sogar ein Wunsch von mir, das einmal mehr auszuleben. Daher waren mir die Drehzeiten immer willkommen.

 

Sie tragen den Film als Schauspielerin ganz alleine. Ist das eine besondere Herausforderung?

Man muss viel geduldiger sein, weil der Partner das Leben selbst ist, das eben andere Gesetze hat. Insbesondere musste ich mehr Geduld mit mir selbst lernen und weniger ergebnisorientiert arbeiten. Alle Maßstäbe, die ich sonst bei der Arbeit habe, musste ich in den Wind blasen. Man kann der Natur nicht aufzwingen, was im Drehplan steht. Das Licht, die Stimmung, der Stand der Wolken, die Tiere ‒ man muss sich nach den Umständen richten, nicht planen, sondern mehr mit Gelassenheit herangehen. Das ganze Team musste zu dieser Einstellung finden. Alle waren still. Keiner schaute auf die Uhr. Dann reagierten auch die Tiere darauf. Die Katze blieb einfach so auf dem Tisch sitzen, weil die Atmosphäre stimmte. Beim Dreh für den nächsten Film, wieder unter den »normalen« Umständen, dass jede Minute festgelegt und jede Szene geplant ist, fiel mir die Umstellung sehr schwer. Dass alles möglichst schnell gehen muss, erschien mir auf einmal so unsinnig.

 

Im Film haben Sie einen ungewöhnlichen Partner, der das Leben der Hauptfigur beeinflusst, den Hund Luchs. Wie war die Zusammenarbeit?

Julian Pölsler hat seinen Hund Luchs selbst trainiert. Für den Dreh musste er mir die Befehlsmacht übergeben, da der Hund auch mir folgen musste. Irgendwann hat der Hund verstanden, dass es ein vor und hinter der Kamera gibt und wann er zu wem gehört. Verrückt war, dass er ein Verhältnis zu mir entwickelt hat, wie es im Roman beschrieben ist, geprägt von liebevollem Gleichmut. Es war eine Partnerschaft, frei von der Abhängigkeit zu seinem Herrchen. Wir waren beide Schauspieler und im selben Boot. Ich habe auf ihn geachtet und er auf mich.

 

 

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