Regisseur FRANÇOIS OZON über seinen Film „In ihrem Haus“

 

 

François Ozon darüber, …

 

… wie er auf die Vorlage aufmerksam wurde.

 

Eine Freundin von mir spielte in einer Inszenierung von Juan Mayorgas „Der Junge aus der letzten Reihe“ die Rolle der Esther, die im Film von Emmanuelle Seigner gespielt wird. Sie rief mich an und meinte, ich müsste mir das Stück unbedingt ansehen. Mir war nicht ganz klar, ob sie wollte, dass ich ihretwegen oder wegen des Stücks komme… Nun, ich denke, es ging mehr um sie. Ich werde oft von Schauspielern angerufen, die möchten, dass ich sie in irgendwelchen Stücken ansehe, und häufig langweilt mich das. Aber der Titel dieses Stücks – „Le garçon du dernier rang“ (Der Junge aus der letzten Reihe) – machte mich neugierig, und deshalb bin ich dann doch gegangen. Ich merkte sehr schnell, dass sie Recht hatte, denn die Geschichte gefiel mir auf Anhieb. Ich habe mich um die Rechte an dem Stück bemüht, aber leider hatte sie schon ein spanischer Regisseur gekauft. Das machte mich sehr traurig, zumal ich die Befürchtung hatte, dass es Almódovar ist, der die Rechte gekauft hatte. Denn dann würde nie etwas aus meiner Verfilmung. Aber es war glücklicherweise ein anderer Regisseur, und es gelang ihm nicht, die Finanzierung für eine Verfilmung in Spanien auf die Beine zu stellen. Insofern konnte ich die Rechte am Ende doch noch erwerben, und machte mich dann gleich daran, ein Drehbuch zu schreiben.

 

… was ihn an dem Stück gereizt hat.

 

Was mir gefiel, war der inhaltliche Reichtum des Stücks, die vielen unterschiedlichen Themen, die es abhandelte – vor allem aber Mayorgas Kunst, den Zuschauer ins Zentrum des kreativen Schöpfungsprozesses zu stellen, und das auf ausgesprochen amüsante Weise, überhaupt nicht schwerfällig oder theoretisch. Denn natürlich geht es auch um viele theoretische Fragen, um Dinge, die das Publikum womöglich ein wenig langweilen können. Umso mehr mochte ich die Art, wie Mayorga seine Geschichte verpackt hatte, nämlich so, dass sie Spaß macht und amüsiert. Aber ich spürte auch, dass ich für diese Verpackung, die im Theater funktioniert, eine filmische Entsprechung finden musste. Das würde nicht ganz einfach werden, aber die Herausforderung, mir das auszudenken, fand ich spannend.

 

…. wie sich der Film von der Vorlage unterscheidet.

 

Ja, der Film unterscheidet sich maßgeblich von dem Stück. Bühnen- und Filmsprache sind schließlich zwei grundverschiedene Dinge. Mit einem Blick, einer einzigen Einstellung kann man im Film zwei Dialogseiten eines Theaterstücks erzählen. Es geht alles viel schneller, der Film erlaubt einem viel mehr Möglichkeiten als das Theater. Manche Dinge habe ich behalten, andere gestrichen – ich glaube, man muss sich bei jeder Adaption darüber klar sein, dass es sich um eine Art Verrat an der Vorlage handelt. Ich habe mir die Dinge aus dem Stück genommen, die mir gefielen, und was ich als sehr angenehm empfand, war die Tatsache, dass Juan Mayorga mir alle Freiheiten ließ. Er hat sich überhaupt nicht in meine Adaption eingemischt. Trotzdem war mir nicht ganz wohl, denn die Autoren, die ich bislang adaptiert habe, sind alle tot, und diesmal hatte ich es mit einem lebenden Autor zu tun. Beim Festival von San Sebastian hat er den Film zum ersten Mal gesehen und war sehr zufrieden, außerdem gewannen wir dort den Hauptpreis, alles in Butter also, auch wenn ich dem Stück nicht ganz treu geblieben bin.

 

… worin die Herausforderungen beim Dreh und Schnitt bestanden.

 

Jeder neue Film ist für mich eine Herausforderung, denn ich weiß ja nie, was passieren wird, ob es funktioniert oder nicht. Diesmal bestand die Herausforderung darin, Realität und Fiktion zu vermischen. Natürlich hatte ich viele Ideen für die Inszenierung, aber ob die wirklich funktionieren würden oder nicht, merkt man eigentlich erst beim Endschnitt. Für mich war es wichtig, dass zu Beginn für den Zuschauer ganz klar ist, wo er sich befindet: in der Realität oder in der Fiktion. Erst später vermischen sich die beiden Ebenen. Für die Inszenierung bedeutete das, dass ich beispielsweise Kamera-bewegungen, die ich zunächst nur im Haus, also in der Fiktion anwandte, auch in der Realität einsetzte. Und dass sich schließlich alles vermengt. Ich wollte, dass sich der Zuschauer irgendwann verloren fühlt – und ich auf gewisse Weise auch. Wobei ich mir gesagt habe, dass von einem bestimmten Punkt an alles reell ist und ich die Geschichte nur noch auf einer Ebene erzähle.

 

… wie Realität und Fiktion ineinander greifen.

 

Ja, es war von Anfang an vorgesehen, dass Germain in die Fiktion eingreift und ein Teil von ihr wird. Das ist ein Kunstgriff, der häufig beim Theater benutzt wird, und im Kino zum Beispiel von Ingmar Bergman und Woody Allen. Mir war klar, dass ich irgendwann diese systematische Struktur – von der Realität in die Fiktion zu wechseln und wieder zurück in die Realität – aufbrechen musste, weil sie vorhersehbar wird. Germain ist von dieser Geschichte wahnsinnig fasziniert, deshalb fand ich, dass er irgendwann unbedingt ein Teil der Geschichte werden musste. Klar war das riskant, denn ob es funktionieren würde oder nicht, wussten wir nicht – aber Dinge zu riskieren, macht das Kino erst aufregend.

 

 

 

 

… wie er sich für Fabrice Luchini und Kristin Scott Thomas entschied.

 

Fabrice Luchini für die Rolle des Lehrers zu engagieren lag nahe, denn für die meisten Franzosen ist er die Inkarnation des typischen Französischlehrers – eine Art französischer Reich-Ranicki. Nach „Das Schmuckstück“ wollten wir unbedingt wieder zusammenarbeiten – zumal er beim Dreh des ersten Films unglücklich war, weil er darin die unsympathische Rolle des bösen Chefs spielte. Diesmal ist er viel sympathischer und spielt jemanden, der ihm sehr ähnlich ist. Was die Besetzung seiner Ehefrau angeht, musste es jemand sein, der den beruflichen Hintergrund von Fabrice teilt und auch schon viel Theater gespielt hat. Ich dachte sofort an Kristin Scott Thomas, die ich sehr mag und mit der ich schon lange arbeiten wollte. Ich finde, dass die beiden wunderbar zusammenpassen. Als Vorbild für ihr Paar hatte ich Woody Allen und Diane Keaton in „Manhattan Murder Mystery“ oder „Der Stadtneurotiker“ vor Augen. Sie mussten vom Tempo her zusammenpassen und eine gewisse intellektuelle Komplizenschaft besitzen, und ich finde, das ist der Fall.

  

… wie er Ernst Umhauer fand.

 

Den jungen Ernst Umhauer, der seinem Namen zum Trotz kein Deutscher, sondern Franzose ist, habe ich bei einem ziemlich langen Casting gefunden. Als erstes sah ich ein Foto von ihm, und mir fiel sein Blick auf, ein sehr außergewöhnlicher Blick, und das fand ich sehr wichtig, schließlich ist dies ein Film über einen Voyeur. Als er dann zum Vorsprechen kam, fiel mir seine schöne Stimme auf, und auch die war wichtig, denn im Film ist Claudes Stimme häufig im Off zu hören.

 

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