Regisseur Nicolas Winding Refn über „Only God Forgives“

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Worum geht es in ONLY GOD FORGIVES?

Die ursprüngliche Idee war es, einen Film über einen Mann zu machen, der Gott herausfordern will. Das ist natürlich eine enorme Aufgabe, aber als ich den Film schrieb, war ich in einer sehr entscheidenden Phase meines Lebens – wir erwarteten gerade unser zweites Kind. Es war eine schwierige Schwangerschaft, und die Idee eines Charakters, der gegen Gott kämpfen will ohne zu wissen warum, reizte mich. Um diese Idee auszubauen, ergänzte ich eine Figur als Gegenspieler, die glaubt, Gott zu sein (Chang), während der Protagonist (Julian) ein Krimineller ist, der etwas sucht, an das er glauben kann. Natürlich ist die Suche nach Glauben etwas Existentielles, denn der Glaube basiert auf dem Wunsch nach einer höheren Antwort, zu der wir die Frage (meist) nicht kennen.

 

 

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Warum wird Gott als Antagonist und nicht als Protagonist dargestellt?

Gott zu sein ist nicht interessant genug. Ihn bekämpfen zu wollen ist so viel spannender, denn es geht um Verlust und Schwäche, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Obwohl wir die Form von Stärke bewundern, die Chang repräsentiert, haben wir keinen emotionalen Zugang dazu. Auf der anderen Seite ist es sehr menschlich, nach etwas auf der Suche zu sein. Denn wir fühlen uns schwach, wenn wir etwas nicht wissen oder können. Es geht im Grunde darum, dass im Glauben keine Frage gestellt, sondern nur eine Antwort geliefert wird.

Welche Bedeutung hat der von Kristin Scott Thomas gespielte Charakter?

Wir sind so daran gewöhnt, dass Verbrechen und Gewalt Männer-Domänen sind, dass mir die Idee, das ultimative Böse sei weiblich und zudem noch eine Mutter, unheimlich gefallen hat. Das trägt zum Dilemma bei, mit dem sich Julian herumschlagen muss, denn die Mutter ist ein wichtiger Schlüssel, warum er gegen Gott kämpfen will. Es war interessant, ein Mutter-Sohn-Drama in die übersteigerte Realitätsdarstellung eines Actionfilms einzubetten. Außerdem bekommt der Film durch den Schauplatz Asien, genauer gesagt Bangkok, eine magische Aura. Während die Stadt mit ihren 12 Millionen Einwohnern in puncto Technologie sehr zukunftsorientiert ist, gibt es gleichzeitig starke spirituelle Schwingungen. Dass die Menschen auf verschiedenen spirituellen Ebenen leben und trotzdem miteinander agieren, macht das Ganze zu einer Art Experiment.

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Wie ist der Film in Deine Karriere als Regisseur einzuordnen?

Ich finde es immer schwierig, Fragen zu meiner Karriere zu beantworten, weil ich kein wirkliches Konzept habe und die paar Male, als ich es versucht habe, wurden meine Pläne jedes Mal völlig über den Haufen geworfen. Vielmehr denke ich, dass ich mich in Situationen bringe, vor denen ich nicht davonlaufen kann. Dadurch wird mein Leben ziemlich kompliziert, weil es mich zwingt, den gesunden Menschenverstand über Bord zu werfen. Stattdessen höre ich auf meine Instinkte, was sich richtig oder falsch anfühlt. Es geht darum, einen Film mit verbundenen Augen zu machen, ohne zu wissen oder vorhersagen zu können, was dabei herauskommt. Wenn ich dir das Skript zeigen würde, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe, sowie jede einzelne Fassung des Films von der Phase der Vorproduktion bis hin zum Final Cut, würdest du hundert verschiedene Filme sehen. Deshalb ist Kreativität auch so eine fruchtbare Kraft.

Spiegelt der Film einen Teil Deines Lebens wider und wenn ja, wie?

Ich denke, alles, was du machst, spiegelt irgendwie etwas von dir wider. Bisher hatte ich immer das Glück, die Filme machen zu können, die ich auch machen wollte. Doch mal abgesehen von „Bronson“, in dem viel Biographisches von mir selbst steckt, könnte ich nichts Bestimmtes herausgreifen. Das überlasse ich lieber den Experten.

Im Vergleich zu Deinen anderen Figuren scheint es eine deutliche Parallele zwischen Einauge („Walhalla Rising“), Driver („Drive“) und Chang (ONLY GOD FORGIVES) zu geben. Kannst Du erklären, warum das so ist?

Das ist eine gute Frage. All die Figuren entstammen einer märchenhaften Mythologie und haben Schwierigkeiten mit dem alltäglichen Leben. Im Prinzip erkenne ich Ähnlichkeiten in ihrer abgeklärten Haltung, ihrem Schweigen und ihrer Selbstsucht. Und das, obwohl sie in verschiedenen Zeiten leben und von verschiedenen Schauspielern dargestellt werden. Ich bin mir nicht sicher warum, aber es gibt zweifelsfrei eine Verbindung zwischen den Figuren und ihren gemeinsamen Eigenschaften, die ich wahrscheinlich auch in meinem nächsten Film wieder aufgreifen werde.

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Warum wird Changs Name im Film niemals genannt?

Anfangs gab es Szenen, in denen Changs Name fällt, entweder sein sterblicher (Chang) oder sein unsterblicher Name (Racheengel). Aber jedes Mal, wenn er beim Namen genannt wurde, verlor er meiner Meinung nach etwas von seiner Mystik. Deshalb entschloss ich mich dazu, alle Verweise auf seinen sowohl sterblichen als auch unsterblichen Namen zu entfernen. Um noch einmal auf die Frage mit den Gemeinsamkeitenzwischen Einauge, Driver und dem „Es“-Charakter zurückzukommen: Ich würde sagen, dass Einauge in „Walhalla Rising“ zwar durch seine unbekannte Vergangenheit geheimnisvoll ist, sich aber zumindest durch seinen Namen dennoch definiert. Und der Driver in „Drive“ erklärt sich über seine Aufgabe. Doch in ONLY GOD FORGIVES wird der Charakter nicht durch einen Namen, sondern nur durch seine Erscheinung bestimmt.

Früher hast Du mal gesagt, dass Du beabsichtigst, verschiedene Filmgenres auszuprobieren. Die „Pusher“-Trilogie ist im Crime-Genre angesiedelt, „Bronson“ ist ein Biopic, „Walhalla Rising“ ein Science-Fiction-Film und „Drive“ ein magisches Action- Drama. Was ist ONLY GOD FORGIVES?

Irgendwie ist ONLY GOD FORGIVES wie eine Zusammenfassung aller Filme, die ich bisher gemacht habe. Ich glaube, dass ich mit Hochgeschwindigkeit auf eine kreative Kollision zusteuere, um alles um mich herum zu verändern. Ich habe immer gesagt, dass ich Filme über Frauen machen werde, aber am Ende waren es dann doch nur Filme über brutale Männer. Und jetzt, da alles zusammenprallt, könnte es damit enden, dass bei mir alles auf den Kopf gestellt wird. Diese Kollision ist so aufregend, weil alles so ungewiss ist. Der zweite Feind der Kreativität ist nach dem guten Geschmack die Vorsicht.

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Die Auswahl Deiner Besetzung ist in diesem besonderen Film ziemlich radikal. Du hast nicht nur einen Mix aus bekannten und unbekannten Schauspielern, sondern hast die bekannten Stars auch entgegen ihrer typischen Rollen besetzt. Wie war das Casting?

Ursprünglich sollte die Rolle des Julian von einem anderen Schauspieler übernommen werden, aber der ist dann kurz vor Drehbeginn ausgefallen. Inzwischen denke ich, dass es ein Wink des Schicksals war, weil sich dadurch die Möglichkeit ergab, dass Ryan und ich unsere Zusammenarbeit fortsetzen konnten. Seltsamerweise hatte ich das Drehbuch zu ONLY GOD FORGIVES schon vor dem Dreh von „Drive“ geschrieben. Die Figur des Julian war schon von Anfang an als ein sehr stiller Charakter gedacht. Als Ryan nach der Fertigstellung von „Drive“ anfing, mit mir am Drehbuch zu arbeiten, tauchte diese Sprache des Schweigens wie selbstverständlich auf. Das war deshalb so hilfreich, da es bei Julian vor allem um seinen inneren Kampf geht, den die Kamera einfangen und wiedergeben muss. Julians Reise findet im Inneren statt. Aus heutiger Sicht kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand anderes als Ryan diesen Charakter hätte spielen können.

Dass Kristin Scott Thomas die Rolle der Crystal spielen würde, stand schon sehr früh fest. Ich erinnere mich, dass sie mich bei unserem ersten Treffen fragte, warum ich ausgerechnet sie für diese Rolle wollte und meine spontane Antwort war: „Weil meine Mutter dich richtig gut findet.“ Ich hatte sie über die Jahre schon in verschiedenen Filmen gesehen und war immer wieder von ihrer brillanten Schauspielleistung überzeugt. Außerdem hat sie diesen Hauch von „klassischem Hollywood“.

Als es um die Besetzung der thailändischen Darsteller ging, war es schwieriger. Aufgrund der relativ großen Film-Community in Thailand habe ich immer gedacht, dass es dort zahlreiche Theaterschulen und Schauspieltraditionen gibt, aber ich irrte mich. Zwei Schauspieler zu finden, die Chang und Mai spielen und auch noch Englisch sprechen können, war wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es wurde einfacher, als ich die englischsprachigen Dialoge von Chang entfernte. Ich traf Vithaya Pansringarm eineinhalb Jahre vor Drehbeginn und ich wusste sofort, dass er der Richtige für die Rolle des Chang ist. Ich kann nicht genau sagen, warum, denn sein Vorsprechen war nicht herausragend, aber da war etwas an ihm, das ihn ausmachte. Obwohl er diese Freundlichkeit und Ruhe ausstrahlt, vermittelte er ein Gefühl von Unberechenbarkeit, und diese Mischung hat mich sofort gereizt.

Rhatha Phongam passte perfekt für die Rolle der Mai. Bei der Besetzung dieser Figur konzentrierte ich mich auf ihre stille Art, denn sie stellt so etwas wie eine künstliche Schöpfung in Julians Welt dar. Ich hatte mich für Rhatha ebenfalls früh entschieden, aber durch die Produktion von „Drive“ verzögerten sich die Dreharbeiten von ONLY GOD FORGIVES um etwa ein Jahr. Doch als ich endlich mit dem Film anfangen wollte, standen zum Glück beide Schauspieler zur Verfügung und willigten ein, mit mir zu arbeiten. Die Rolle von Julians Bruder Billy habe ich mit dem britischen Schauspieler Tom Burke besetzt, weil ich unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte, seit er zu einem früheren Zeitpunkt für die Rolle des Julian vorgesprochen hatte. Tom Burke und Gordon Brown sind zwei Darsteller, die ich von Beginn an bei den Dreharbeiten in Thailand dabeihaben wollte.

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©TiberiusFilm

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