Regisseur Ari Folman (Waltz With Bashir) über seine Stanislaw Lem Adaption „THE CONGRESS“

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  Die Schauspielerin Robin Wright, deren Stern verblasst, bekommt ein beispielloses Angebot: ein Hollywood Studio will die Rechte an ihrer Person für 20 Jahre kaufen, sie scannen und ihr digitales Abbild für alle denkbaren Rollen besetzen, ohne Beschränkungen, ohne ihr Mitspracherecht. Im Gegenzug erhält sie eine astronomische Summe und das Versprechen, dass ihr digitales Ich niemals altert. Mit The Congress begleitet Regisseur Ari Folman (Waltz With Bashir) Robin Wright bei ihrem Comebackversuch 20 Jahre später und nimmt uns mit auf eine fantastische Reise in die zukünftige Welt des Kinos. In einer faszinierenden Mischung aus animiertem und realem Film, frei basierend auf Stanislaw Lems Roman Der futurologische Kongreß, spielen an der Seite von Robin Wright in weiteren Rollen Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee, Jon Hamm, Danny Huston und Paul Giamatti.

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  The Congress befand sich jahrelang in der Entwicklung – wie sind Sie zu dem Projekt gekommen und welche Herausforderungen stellten sich bei der Adaption von Stanislaw Lems Kult-Klassiker? Ich habe Lems Roman zum ersten Mal mit 16 Jahren gelesen. Ich war ein Sci-Fi-Fan und habe mich sofort in das Buch verliebt. Zum zweiten Mal habe ich ihn während der Filmschule gelesen und beschloss damals schon, dass ich den Roman verfilmen will. Aber erst nachdem ich mich für Waltz wit h Bashir intensiv mit Animation beschäftigt hatte, entwickelte ich eine Vision, wie ich ihn für die Leinwand umsetzen könnte. Ich brauchte ein ganzes Jahr, um das Drehbuch zu schreiben und löste mich weitgehend vom Originaltext, kam aber immer wieder darauf zurück, wenn ich während des Schreibens den Faden verlor. Ich finde der Geist des Romans ist sehr präsent im fertigen Film und ganz besonders in den animierten Sequenzen. Der Held des Romans, Ijon Tichy ist ein Wissenschaftler und Forscher. Warum haben Sie entschieden, dass die Hauptfigur in Ihrer Adaption eine Schauspielerin ist? Ich bin der Überzeugung, dass man bei der Adaption eines Klassikers den Mut haben muss, sich nicht sklavisch an den Originaltext zu halten. Ich suchte nach einer neuen, aktuelleren Allegorie für die kommunistische Ära, die das Buch beschreibt. Die Diktatur aus dem Roman verwandelte sich während des Schreibprozesses in eine Diktatur innerhalb der Unterhaltungsindustrie, insbesondere die Filmindustrie, die von den großen Studios kontrolliert wird. Und ab diesem Punkt ergab sich einfach das Thema einer alternden Schauspielerin.

© Pandora Film Verleih, 2013

  Warum haben Sie sich für Robin Wright für die Rolle ihrer Heldin entschieden? Gibt es einen Bezug zwischen ihrem realen Leben und ihrem fiktionalen Alter Ego in The Congress ? Immer wenn ich mir den Film vorstellte, hatte ich eine Eingangssequenz im Kopf, in der die Schauspielerin von ihrem langjährigen Agenten fertig gemacht wird. Im Winter 2009 lernte ich Robin Wright während einer Feierlichkeit in L.A. zufällig kennen und saß den ganzen Abend ihr gegenüber. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie mir in dieser Eingangssequenz vorzustellen – sie war einfach perfekt für die Rolle. Am nächsten Tag stellte ich ihr das Projekt zusammen mit einigen Zeichnungen vor, die David Polonsky von ihr am Vorabend gemacht hatte. Robin sagte sofort zu und damit begann unser vier Jahre dauerndes Abenteuer. The Congress zeichnet ein sehr dystopisches Bild von Hollywood und den großen Studio- Filmen. Ist das Ihre Einschätzung dieses Teils der Branche? Zeigt der Film ihre Angst um die Zukunft des Kinos? Ich war schockiert, als ich in L.A. auf der Suche nach einem passenden Drehort für den Scanner-Raum erfuhr, das so ein Raum bereits existiert. Schauspieler werden schon seit Jahren eingescannt – die Technologie existiert längst. Schauspieler aus Fleisch und Blut werden in dieser Post-Avatar-Ära nicht mehr wirklich gebraucht. Ich denke, es sind ökonomische Entscheidungen, die darüber entscheiden werden, ob die nächste Generation von Filmen mit digitalen Schauspielern besetzt wird oder sogar noch mit einer ganz neuen Generation von Schauspielern, die „von Grund auf neu erdacht” werden. Als Optimist hoffe ich natürlich, dass die menschlichen Schauspieler siegreich aus dieser Entwicklung hervorgehen werden und dass The Congress unser kleiner Beitrag zum Erreichen dieses Ziels ist.

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  Viele Details in The Congress wirken „futuristisch”, gleichzeitig aber auch sehr aktuell – sehen Sie auch positive Aspekte drin, in einer anderen Realität zu leben, zum Beispiel in der Rolle eines Online-Avatars? Denken Sie, dass man sich damit der Idee des Films annähert, in einer eigenen Realität zu leben? Ich glaube, dass die chemisch veränderte Welt, die in Lems Roman und im Film entworfen wird, nur Fantasy ist. Aber gleichzeitig ist sie Ausdruck für eine der großen Ängste von denjenigen von uns, die in ihren Träumen und in ihrer Vorstellung reisen. Ich hatte immer das Gefühl, das wir alle in parallelen Universen leben. Eins, in dem wir in Echtzeit funktionieren und eine anderes, in das unser Verstand uns entführt – mit oder ohne unsere Kontrolle. Diese beiden Welten miteinander zu verbinden, ist für mich eine der größten Herausforderungen für einen Filmemacher. Der Film ist einzigartig, bietet aber eine Unmenge von Referenzen in Bezug auf die Filmgeschichte und darüber hinaus. Gibt es Schlüsselfilme oder auch andere Einflüsse, die Sie bei der Arbeit an dem Film besonders inspiriert haben? Der animierte Teil des Films ist ein Tribut an die großartige Arbeit der Fleischer-Brüder aus den 30er-Jahren. Die Bilder sind von Hand gezeichnet, entstanden in acht verschiedenen Ländern und es dauerte zweieinhalb Jahre bis 55 Minuten Film fertig gestellt waren. Es war bei weitem die schwierigste Aufgabe, die ich als Regisseur bisher bewältigen musste. Unter der Leitung des Animations-Regisseurs Yoni Goodman arbeitete das Team zuhause rund um die Uhr, um sicher zu stellen, dass die animierten Figuren aus den verschiedenen Studios in den einzelnen Szenen übereinstimmten. Während dieser Zeit haben wir entdeckt, dass Schlaf etwas für Sterbliche und Animation nur für Wahnsinnige gedacht ist! Im Rest des Films versuche ich zweimal meinem Idol Stanley Kubrick Tribut zu zollen: es gibt eine Referenz zu Dr. Strangelove oder wie ich lernte die Bombe zu lieben und eine zu 2001 – Odyssee Im Weltraum, der nach wie vor für mich ist der beste Sci-Fi-Film aller Zeiten ist. Alter, freier Wille und Sterblichkeit sind die großen philosophischen Themen, die sich durch The Congress ziehen – Was möchten Sie den Zuschauern mit dem Film mitgeben? Ich finde das Schöne am Filmemachen ist, dass es nach getaner Arbeit nicht mehr die Aufgabe des Regisseurs ist, den Film zu interpretieren, sondern die des Publikums. Ich kann mich jetzt zurücklehnen und zuhören und vielleicht hat man dann das Glück, zu verstehen, was man wirklich geleistet hat.

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  © Pandora Film Verleih, 2013

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