Helge Schneider über seinen neuen Film „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“

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Was für ein Typ ist Kommissar 00 Schneider?

Roy Schneider weiß übrigens nicht, dass er von seinen Kollegen 00 genannt wird. Die spielen damit auf einen Film an, den es mal gegeben hat: 00 SCHNEIDER – JAGD AUF NIHIL BAXTER. Das ist so ein alberner Film, der aufgrund seiner Figur gedreht wurde. Da reagiert er ziemlich allergisch drauf, denn er ist ja ein echt harter Typ, einer der Härtesten, um genau zu sein. Er macht aber alles ohne Waffe, wie die ganze Polizeimannschaft auch. Außer dem Chief, der hat eine Waffe, aber die ist nie geladen. Roy Schneider macht alles mit Handkantenschlägen – wie Eddie Constantine: „Eddie krault nur kesse Katzen“, das ist das Vorbild von Roy Schneider. Und natürlich verweist auch die Namensähnlichkeit zu Roy Scheider, Hauptdarsteller in DER WEISSE HAI, darauf, dass er ein ganz Großer ist.

Wie hart er ist, merkt man sofort, wenn man einen Blick ins Drehbuch wirft: er fährt rasant Auto, fasst die Verbrecher gnadenlos mit harter Hand an…

In der Welt von Roy Schneider werden schon die kleinsten Vergehen unglaublich streng geahndet. Ein ‚lebenslänglich‘ nur für eine paar geklaute Zigaretten ist nicht auszuschließen. Roy Schneider ist ja ein militanter Nichtraucher, der sich mit dem Gequalme der Anderen herum ärgern muss. Er wirft sogar Zigaretten weg, von denen seine Kollegen gehofft hatten, sie zu bekommen. Da können sie aber nichts gegen machen, denn mit Roy Schneider legt sich keiner gerne an.

 

00Schneider

 

Sprechen wir eigentlich über einen Raucher-Bashing-Film?

Neeeiiin! Er wird auch nicht von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt.

Was für ein Genre ist 00 SCHNEIDER? Harter Actionfilm, Krimi, Komödie?

Ich würde mal sagen, harter Actionfilm im Sinne von Film Noir, aber auch der Gerechtigkeitsliga oder Clint „Make-my-Day-Punk“ Eastwood. Alles natürlich sehr überzogen und so brutal, dass es schon wieder albern ist, extrem albern.

Wie wurde das Drehbuch entwickelt? Es gibt im Grunde ja nur eine Handlungsvorgabe mit Platzhalterdialogen.

Im Januar 2012 haben wir in Spanien begonnen, das Buch zu schreiben. Dann haben wir es ungefähr 50 Mal umgeschrieben. Dann ging es an die Finanzierung und dann haben wir es für die Förderung von Spanien nach Deutschland verlegt. Da war ich der Erste, der gesagt hat, dann drehen wir in Mülheim, Duisburg und Essen, denn diese Gegend ist symptomatisch für das Land Nordrhein-Westfalen. Wir wollten hierher in das Herz von NRW; Kohleabbau, Eisen, Hütten und Stahl. Aber das ist alles weg. Verkauft nach China. Dort beginnt jetzt, was hier vor 150 Jahren angefangen wurde.

Wir nutzen übrigens Originalschauplätze und Fantasieorte, wie die Wohnung des Kommissars. Das Ganze spielt in Frankreich in Rillieux-la-Pape Principale, das ist eine Trabantenstadt von Lyon. Die Franzosen haben ja früh angefangen, ihre Städte auszulagern und große Einkaufszentren zu bauen. Die Deutschen haben mit den Malls auf dem Land erst 20 Jahre später angefangen. Wenn man hier in Mülheim durch die Stadt geht, wundert man sich, dass ein mutiger Türke einen Obst- und Gemüseladen aufgemacht hat, denn das ist so ziemlich der einzige Laden mit Naturalien hier in der Stadt. Der Rest sind Handyläden, ein Friseur vielleicht, Nagelstudios, Brillenläden und Apotheken – mehr gibt es nicht. In dieser Welt leben wir. In dem extremen Polizeistaat, in dem Roy Schneider der Held ist, bringt schon der kleinste Missgriff – wie die Taten des Sittenstrolchs – die gesamte Struktur durcheinander.

Wie wird man Schauspieler bei ?

Ich suche die Leute – es sind alle Amateure – danach aus, wie sie am besten zu den Rollen passen. Der Sittenstrolch war sofort klar, dass musste Rudi Olbricht sein. Im wirklichen Leben ist er zwar kein Sittenstrolch, aber er sieht so aus und spielt Bass. Es ist auch schwierig mit echten Schauspielern zu arbeiten. Die haben immer Angst, dass am Ende etwas heraus kommt, was nicht zu ihnen passt und sie dann keine Rolle mehr in einem anderen Film bekommen. Die wollen zwar immer mitspielen, aber wenn es ernst wird, machen sie meist einen Rückzieher. Darauf lasse ich mich nicht mehr ein. Keine Experimente mehr. Mit mir zu arbeiten, heißt auch Vertrauen zu haben, dass der Film ordentlich wird. Ich habe den Film ja im Kopf und kann auch ohne ein bis ins Detail ausgeklüngeltes Drehbuch immer alles genau auseinanderklamüsern.

Als Regisseur muss mir natürlich die Möglichkeit gegeben werden, spontan am Drehort etwas im Skript zu verändern oder einen neuen Schauspieler einzubringen. Dafür brauche ich halt ein starkes Vertrauen.

 

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Wie werden die Szenen am Set mit den Schauspielern gestaltet?

Ich richte mich nach den Begebenheiten des Augenblicks. Die Stärke dieser Amateure ist das, was sie mitbringen und das nutze ich direkt während des Drehs. Das macht auch den Film aus. Ich bin der Einzige, der da ein wenig rausknallt, weil ich eine Rolle spiele. Das gilt auch für Rocko Schamoni, der die Eidechse spielt. Er spielt eine extreme Rolle mit seinem Gebiss, den Haaren und dem Bart und überhaupt ist die ganze Figur so hingerichtet, wie er sich normal gar nicht bewegen würde. Ansonsten sind alle Typen typgerecht eingesetzt. Man kann sie so abfilmen.

Wie funktioniert es beim Improvisieren, wenn du selber spielst und von hinten nicht kontrollieren kannst?

Das ist kein Problem. Ich habe eine gute Regieassistentin, die Schumi, und einen guten Kameramann, den Voxi Bärenklau. Die anderen sind Vertrauensempfänger von denen, aber auch von mir. Man darf aber alles nicht so todernst nehmen. Auch nicht sich selbst. Es ist alles nur ein Spiel, deswegen heißt es ja auch Spielfilm.

Wenn man improvisiert und spontan ist, kann man das nicht wiederholen. Die Kamera muss da mitlaufen…

… Wir verbrauchen in der Tat sehr viel Filmmaterial…

… schon mal dran gedacht digital zu drehen?

Ja, aber das ist Nichts. Das sieht nicht aus wie Film.

Wie viel Takes brauchst du im Schnitt?

In den ersten Tagen hatte ich gehofft, es werden drei bis fünf. Dann sind wir aber bei etwa zehn angekommen. Aber das ist auch nötig. Ich muss auch Szenen mit Löchern weiter spielen lassen, damit derjenige, der spielt doch noch einen Höhepunkt hat, den ich später dann verwende. Daher achte ich darauf, dass zwischen den Aufnahmen nicht so viel gestört wird. Manchmal lasse ich drei, vier Mal wiederholen ohne die Klappe schlagen zu lassen.

Eine letzte Frage noch: was unterscheidet den Humor des Ruhrgebiets vom Rest der Republik?

Hier ist man ober-cool, woanders ist man nur cool. Man ist hier viel gewohnt. Humor hat auch mit Vertrauen zu tun, mal loszulassen, einfach mal gehen zu lassen. Das ist schon schön. Ich lebe gerne hier. Ruhrgebiet ist echt gut.

 

00Schneider

 

© 2013 Senator Film

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