„Der Butler“: Regisseur Lee Daniels im Interview

Regisseur Lee Daniels (rechts) im Gespräch mit Hauptdarsteller Forest Whitaker.Regisseur (rechts) im Gespräch mit Hauptdarsteller Forest Whitaker

 

Was hielt Ihre Motivation aufrecht, diesen Film zu machen? Was hat die Geschichte für Sie relevant gemacht?

Auf jeden Fall die persönliche Komponente der Geschichte, die Auswirkung historischer Ereignisse auf das Schicksal einer Familie. Dieser Film verdeutlicht, was Menschen für ihre Freiheit leisten können, was sie durchzumachen bereit sind, um beispielsweise das Wahlrecht zu erhalten. Die Perspektive von DER BUTLER ist alles andere als schwarz-weiß. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte, die amerikanische Politik und die Frage der Hautfarbe transzendiert. Der Film ist keine Geschichtsstunde, sondern eine Familiengeschichte. Er ist universell.

Persönlich hat mich sehr angesprochen, dass es Parallelen zwischen Cecil und meinem Vater gibt. Wie mein Vater hat er sich entschlossen, einen anderen Zugang zu den Weißen zu finden, als ihnen nur blind zu gehorchen: persönliche Einflussnahme auf die Macht durch Loyalität und Integrität. Seinen Job als Butler im Weißen Haus nimmt er an, weil er seinem Land dienen will. Er ist stolz auf das, was er tut, weil er damit seine Familie versorgen kann. Seinem Sohn ist seine Position als Diener wiederum peinlich. Louis stellt sich die gesellschaftliche Realität anders vor und beginnt, im Gefolge von Martin Luther King friedlich für die Bürgerrechte zu demonstrieren. Nach dem Attentat auf King wird er radikal und schließt sich erst Malcolm X, dann den Black Panthers an. Selbstverständlich missbilligt dies sein Vater – nicht nur, weil er für die Weißen arbeitet, sondern für den Präsidenten der USA. Dabei entsteht die Frage, was der richtige Weg ist. Ist es zu passiv, dem Präsidenten zu dienen? Weiße dazu zu bewegen, dir ihr Vertrauen zu schenken und damit die Verhältnisse von innen zu ändern? Oder ist es besser, zu protestieren und bereit zu sein, für die Sache zu sterben? An diesen Fragen reiben sich Cecil und sein Sohn über viele Jahre hinweg. Dieser Konflikt motivierte mich, mich mit ganzer Kraft und von ganzem Herzen in diesen Film einzubringen.

Inwiefern unterschied sich Ihre Arbeitsweise bei dieser Produktion von Ihren frühen Filmen?

Das ist der schwierigste Film, den ich je gemacht habe. In einem sehr frühen Stadium habe ich gemerkt, dass sich die Art, wie ich die Welt betrachte, sehr von einer „normalen“ Sichtweise unterscheidet. Als Filmemacher musste ich mich also sehr zurückhalten und bin stolz, es geschafft zu haben. Ein großartiges Team und fantastische Schauspieler haben mir geholfen, mir selbst zu helfen, denn sie wussten genau, dass ich eigentlich ein freier Geist bin. Wenn man so tickt, wie ich ticke, ist es schwer, einen jugendfreien Film zu machen. Aber letztlich hat es funktioniert.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Forest Whitaker?

Die erfahrensten und am meisten in sich ruhenden Menschen sind oft die bescheidensten. Speziell Forest ist vielleicht der bescheidenste Schauspieler, mit dem ich je gearbeitet habe. Wie viele Oscar®-Gewinner stehen für ein ganz normales Casting zur Verfügung? Und dann machte er auch noch genau das, was ich von ihm verlangte. Daran erkenne ich selbstbewusste Schauspieler – sie tun das, was du willst, ohne nachzufragen. Vielen Darstellern ist nicht bewusst, dass sie sich komplett in die Hand des Regisseurs begeben sollten. Wenn es passiert, ist es ein seltenes Geschenk. Forest und Oprah als Cecil und Gloria waren pure Magie. Forest versah seine Rolle mit Eleganz, Klasse und Verletzlichkeit – in einer Weise, wie es kein anderer geschafft hätte. Durch sein Talent konnte sich Cecil wandeln, wachsen und Einsicht erlangen.

Wie haben Sie Oprah Winfreys Rolle der Gloria, Cecils Frau, angelegt?

Ich liebe Frauen. Sie sind vielschichtig und sehr ergiebig zu beobachten. In diesem Fall lag mein Fokus auf der faszinierenden Entwicklung schwarzer Frauen seit der Sklaverei. Wir brauchten die Stimme der schwarzen Frau in unserem Film und wir brauchten eine interessante Frau. Vorbilder waren meine Mutter, meine Tanten und Nachbarinnen, die uns beim Aufwachsen begleiteten. Deshalb ist Oprahs Rolle der Gloria so komplex. Vielleicht hat sie eine Affäre, weil ihr Mann nie zu Hause ist, vielleicht trinkt und raucht sie zu viel. Als beide Söhne in den Krieg ziehen – einer nach Vietnam und der andere in die Bürgerrechtsbewegung –, dreht sie durch. Aber für mich macht Vielfalt das Leben und das Erzählen aus.

Wie war es, Oprah nach Ihrer Zusammenarbeit bei „Precious“ wieder vor die Kamera zu bekommen?

Bei „Precious“ war Oprah ausführende Produzentin. Als der Film fertig war, sagte ich ihr, dass ich wieder mit ihr arbeiten wollte – diesmal aber als Schauspielerin. Ich halte sie für ein Ausnahmetalent. Ich wollte unbedingt, dass sie etwas für sie komplett Außergewöhnliches tut. Ich erzählte ihr von meinen Recherchen zu DER BUTLER und sie mochte die Idee sehr. Also schrieb ich ihr die Rolle auf den Leib.

Die Arbeit mit Schauspielern muss für mich von großem gegenseitigen Vertrauen geprägt sein. Oprah hatte man zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr in einem Film gesehen, also riss ich mir zwei Beine aus, um sie ähnlich genial zu inszenieren wie in „Die Farbe Lila“. Aber vom ersten Drehtag an war es einfach nur eine Freude, ihr zuzusehen. Sie hat sich beim Catering wie jeder andere in der Schlange angestellt – eine Milliardärin, die sich aber nicht wie eine verhält. Sie traf jeden Tag alleine am Set ein, ganz ohne Entourage, und unterstützte uns in jeder Hinsicht. Ihr einziges Ziel war es, die Rolle der Gloria bestmöglich mit Leben zu füllen. Ich würde mich freuen, wieder mit ihr arbeiten zu können. Was waren die Herausforderungen eines Ensemblefilms mit Schauspielern dieses Kalibers? Normalerweise mache ich Filme, die eine zeitlich begrenzte Geschichte erzählen; einen Sommer, ein Jahr … DER BUTLER spannt sich über Jahrzehnte, mit einem Starauftritt nach dem anderen. Es beginnt mit Mariah Carey und Vanessa Redgrave, gefolgt von Lenny Kravitz, Robin Williams, Cuba Gooding Jr., Terrence Howard und natürlich Oprah Winfrey und Forest Whitaker. Um solche Menschen zu Höchstleistungen zu bringen, muss man Zeit mit ihnen verbringen. Man muss sich nicht immer einig sein, aber die vorgeschriebene Zeit einhalten. Zeit ist Geld, das galt besonders bei unserem knappen Budget, was vieles sehr schwierig machte. Zum Glück waren die Schauspieler von dem Stoff begeistert. Ich verehre sie alle sehr. Jane Fonda und Alan Rickman als Nancy und Ronald Reagan: Allein das ist und bleibt unglaublich!

Das Casting der Präsidenten war der komplizierteste Part, denn ich wollte nicht, dass das Publikum nur den Schauspieler sieht: „Oh, John Cusack als Präsident Nixon; Wahnsinn, Robin Williams als Eisenhower!” Ich wollte keine Karikaturen, sondern dass die Schauspieler in ihrer Rolle aufgehen und die historischen Figuren mit Leben füllen. Sie sollten einfach nur Männer sein. Ich möchte, dass die Zuschauer sehen, dass die Last der Welt auf ihren Schultern ruht und dass dies immer eine zwiespältige Sache ist. Dass nichts auf der Welt eindeutig ist, sondern dass die meisten von uns in einer Grauzone leben: Das ist die erzählerische Grundlage aller meiner Filme. In dieser Grauzone liegt nämlich ungeheure Magie.

Gab es bei den Dreharbeiten Momente, in denen Sie sich dem Thema des Films besonders nah fühlten?

Mein „Aha“-Moment fand während der Aufnahmen zur Busszene mit den „Freedom Riders“ statt. Da begriff ich, was meine Eltern und Großeltern durchgemacht hatten. Ich führte im glühend heißen Inneren des Busses Regie. Da wir ein Originalmodell benutzten, gab es keine Klimaanlage. Gleichzeitig gab ich dem Ku-Klux-Klan außerhalb des Busses Anweisungen. Als ich diesem hundert Menschen starken Mob „Cut!“ zurief, hörten sie mich nicht, sondern kamen weiter rasend vor Wut auf uns zu. In diesem Moment wurde mir klar, was die „Freedom Riders“ in ihrem Kampf für die Freiheit auf sich genommen hatten.

Wenn Sie es sich wünschen könnten: Was sollte das Publikum aus Ihrem Film mitnehmen?

Dieser Film ist das Wichtigste, was ich in meiner Karriere gemacht habe. Ein historisches Epos ist logistisch und erzählerisch eine riesige Herausforderung und ziemlich furchteinflößend, weil man ja ein akkurates Bild zeichnen möchte. Ich hoffe, dass die Menschen mit einer neuen Erinnerung an das, was passierte, aus dem Kino gehen. Wir sollten uns bewusst sein, dass Menschen für unser Land gestorben sind und dass es Helden und Heldinnen gibt, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Diese Menschen sind der Grund, warum heute Barack Obama Präsident der USA ist.

 

 

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